Rückfallprophylaxe

Bei einer Depression gibt es verschiedene Verlaufsformen. Die Mehrzahl der Betroffenen erleidet im Laufe des Lebens mehr als eine depressive Episode (sogenannte rezidivierende Depression). Das Wiederkehren einer Depression wird Rückfall genannt.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, einen Rückfall zu erleiden, d.h. nach der Genesung erneut depressive Symptome zu entwickeln?

Aus der Forschung und der klinischen Praxis ist bekannt, dass bei mehr als 70 % der Betroffenen die Depression im Laufe des Lebens wiederkehrt. Die meisten Rückfälle treten innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss der Akutbehandlung auf.

„Grau zu bunt“, Julia Kranich (Fotowettbewerb 2015)
„Grau zu bunt“, Julia Kranich (Fotowettbewerb 2015)

Das Risiko eines Rückfalls kann jedoch durch rückfallvorbeugende Maßnahmen um 70 % reduziert werden, d.h. die Betroffenen können selbst etwas dafür tun, das Risiko einer erneuten Depression zu senken. Dazu gehören eine regelmäßige Einnahme von Medikamenten, Psychotherapie und konkrete eigene Aktivitäten.

Rückfallvorbeugung mit Medikamenten

Häufig erfolgt die Rückfallvorbeugung mithilfe von Medikamenten, deren Wirksamkeit gut gesichert ist. Das Risiko, eine weitere depressive Phase zu erleiden, kann mithilfe von Antidepressiva also stark reduziert werden. In der Regel bewirken Antidepressiva das Abklingen der Depression. Nach dem Abklingen wird meist eine vier- bis ca. neunmonatige Weiterbehandlung mit demselben Antidepressivum in gleicher Dosis empfohlen (sogenannte Erhaltungstherapie). Sollte dann keine erneute Depression auftreten, kann in Abstimmung mit dem behandelnden Arzt das Medikament langsam abgesetzt werden. Dieses schrittweise Verringern der Dosis wird Ausschleichen genannt. Die Voraussetzungen hierfür sind, dass sich der Betroffene in einer stabilen Lebenssituation befindet und keine großen Veränderungen oder Herausforderungen anstehen.

Achtung: Für eine rückfallverhütende Behandlung ist die regelmäßige Einnahme der Medikamente von großer Bedeutung. Bei wieder-kehrender oder schwerer Depression ist es jedoch ratsam, die Medikamente nach diesen ca. neun Monaten weiterhin einzunehmen (sogenannte Langzeittherapie).

Bei der Entscheidung für oder gegen eine Langzeittherapie sollte auf jeden Fall der behandelnde Facharzt hinzugezogen werden. Gemeinsam sollten sorgfältig die Vor- und Nachteile der Behandlung abgewogen werden.

Rückfallvorbeugung durch Psychotherapie

Neben der Einnahme von Medikamenten ist Psychotherapie eine weitere Möglichkeit, Rückfällen vorzubeugen.

Eine groß angelegte Studie ergab beispielsweise, dass Depressive, die mit Kognitiver Verhaltenstherapie behandelt wurden, über drei Jahre hinweg weniger Rückfälle erlitten als eine nicht behandelte Kontrollgruppe.

Für viele Betroffene empfiehlt es sich, auch nach der Akutbehandlung die Psychotherapie weiterzuführen.

Rückfälle vermeiden: Was kann der Betroffene tun?

Es gibt auch einige Dinge, die ein Betroffener selbst tun kann, um einem Rückfall vorzubeugen.

Bewegung

Seit einiger Zeit wird in den Medien immer wieder diskutiert, ob Sport eine wirksame Therapie gegen Depression ist. Sport alleine kann keine Depression heilen. Jedoch trägt ein gesunder Körper und regelmäßige Aktivität dazu bei, sich wohl zu fühlen, und möglicherweise kann das Rückfallrisiko gesenkt werden.

Aus klinischer Erfahrung heraus kann körperliches Training auch empfohlen werden, um depressive Symptome zu lindern und das Wohlbefinden zu steigern.

Beim Sport gilt es, klein anzufangen und die Aktivität langsam und stetig zu steigern. Ein bis zwei Stunden pro Woche sollte sportliche Aktivität (zum Beispiel Joggen, Schwimmen, Wandern oder Radfahren) eingeplant werden. Gemeinsamer Sport in der Gruppe hilft gleichzeitig, dem krankheitsbedingten sozialen Rückzug zu entkommen. Auf der Seite „Laufen gegen Depression“ sind einige Laufangebote speziell für Menschen mit Depression aufgelistet. Auch die Krankenkasse kann gegebenenfalls zu Bewegungsangeboten Auskunft geben.

Schlaf

Ebenso kann es für den Betroffenen sehr hilfreich sein, den Zusammenhang zwischen Schlaf und Stimmung genau zu kennen. Obwohl die Depression immer mit dem Gefühl der Erschöpfung einhergeht, wird es durch frühes Zubettgehen und langes Liegenbleiben nicht besser, sondern meist sogar schlechter. Häufig sind bei Depressionen Stimmung und Antrieb am Morgen am schlechtesten und Schlafentzug ist überraschenderweise eine sehr wirksame antidepressive Maßnahme. Es ist deshalb zu empfehlen, mittels Tagebuch zu dokumentieren, wie lange man sich nachts und tagsüber im Bett aufhält und wie danach jeweils die Stimmung ist. Stellt man fest, dass bei einer langen Bettzeit die Stimmung am nächsten Tag eher schlechter ist, dann kann man gegensteuern und die Bettzeit zum Beispiel von zehn auf achteinhalb oder von neun auf acht oder siebeneinhalb Stunden reduzieren. Die Versuchung, in der Depression früher ins Bett zu gehen und länger liegenzubleiben, kann Teil eines Teufelskreises sein, der durch kontrolliertes Schlafen durchbrochen werden kann.

Ernährung

Bei der Ernährung gilt vor allem, gesund und ausgewogen zu essen – nicht nur bei Depression. Trotz vieler Empfehlungen in den Medien: Es gibt keine Speisen, die eine nachgewiesene antidepressive Wirkung haben!


Frühwarnzeichen

Eine Depression kündigt sich oft über einen längeren Zeitraum durch bestimmte Anzeichen an. Die sogenannten Frühwarnzeichen sind Veränderungen in der Stimmung, vermehrte Grübelneigung, Schlafstörungen – ähnlich wie bei der Depression, wenn auch noch nicht so schwer. Zur Vermeidung eines Rückfalls ist es wichtig, dass Betroffene ihre persönlichen Frühwarnzeichen kennen. So sind sie bei deren Auftreten besser in der Lage, aktiv einem Rückfall entgegenzusteuern.

Info: Häufig genannte Frühwarnzeichen
  • Müdigkeit, Erschöpfung, Schlappheit
  • Kopfschmerzen
  • körperliches Unwohlsein
  • keine Lust, sich mit Freunden zu treffen, sich zu unterhalten
  • am Wochenende zu Hause bleiben, obwohl man sonst gern ausging
  • weniger, leiser sprechen als zuvor
  • nicht wissen, was man sagen soll
  • über Probleme grübeln, die zuvor keine Probleme waren
  • Konzentrationsprobleme
  • verlangsamtes Denken
  • Probleme, sich zu erinnern
  • Teilnahmslosigkeit
  • verringerte Aktivität
  • verringertes Selbstbewusstsein/
    Selbstwertgefühl
  • Verspannungen
  • Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen
  • Druck auf der Brust
  • schlechtere/weniger Leistung in Beruf, Studium, Schule
  • Schwierigkeiten, morgens aus dem Bett zu kommen
  • Angstgefühle
  • weniger oder mehr Appetit als sonst
  • Gedanken daran, wie es wäre, nicht mehr da zu sein
  • veränderte Trink- und Essgewohnheiten
  • erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen
  • innere Unruhe, Getrieben sein, Ungeduld
  • Reizbarkeit
  • nachts nicht schlafen können
  • weniger Lust auf den Partner/Sexualität

Krisenplan

Neben der Identifikation der persönlichen Frühwarnzeichen ist die Erstellung eines Krisenplans eine weitere Möglichkeit, aktiv zu werden. Mit diesem hat der Betroffene bei einer erneut beginnenden Depression konkrete Handlungsanweisungen zur Hand.

Ein Krisenplan ist eine strukturierte Handlungsanleitung: Er hilft, eigene Veränderungen, die einen Rückfall oder eine Krise ankündigen können – also die Frühwarnzeichen – frühzeitig zu erkennen. Zudem beinhaltet er Gegenmaßnahmen, um angemessen zu reagieren und sich bei Bedarf schnell professionelle Hilfe holen zu können.

Im Folgenden finden Sie einen Krisenplan zum Download. Es bewährt sich, diesen immer dabei zu haben (zum Beispiel im Portemonnaie), um gegebenenfalls die wichtigsten Informationen auf einen Blick zu sehen.