Depression im Alter

Im Alter werden Depressionen oft verkannt

Depression gehört neben dementiellen Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Zudem steigt das Suizidrisiko mit zunehmendem Alter, insbesondere bei Männern, an. Grundsätzlich unterscheidet sich die Altersdepression nicht von einer Depression in jüngeren Jahren, doch gibt es einige Besonderheiten, die dazu führen können, dass Depression im Alter oft nicht oder spät erkannt wird.

Foto umarmende Frauen; Fotowettbewerb Stiftung Deutsche Depressionshilfe
„Gemeinsam, Hand in Hand“, Barbara Harsch (Fotowettbewerb 2013)

Inhaltsübersicht


Häufigkeit und Symptome von Depression im Alter

Schwere Depressionen sind im Alter nicht häufiger, nach einigen Studien sogar weniger häufig als im jüngeren Erwachsenenalter. Laut einer Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts (DEGS) erkranken 8,1  % aller Personen im Alter von 18 – 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer Depression. Betrachtet man nur die 70 bis 79 – Jährigen, so sind es 6,1  %. Allerdings sind leichtere Depressionen oder Depressionen, bei denen nicht alle Symptome vorliegen (sog. subklinische Depression) zwei bis drei Mal so häufig bei älteren Menschen zu finden. Auch diese Störungen gehen mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Gesundheit und Lebensqualität einher.

Die Frage inwieweit körperliche Erkrankungen, die im Alter häufiger auftreten, zu Depressionen führen, ist nicht leicht zu beantworten. So können typische Symptome einer Depression, wie zum Beispiel Schlaf- oder Antriebsstörungen, auch im Zusammenhang mit einer körperlichen Krankheit auftreten, ohne dass eine eigenständige depressive Erkrankung vorliegt.

Neben den klassischen Symptomen einer Depression treten bei der „Altersdepression“ alterstypische Besonderheiten auf:

Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, neigen dazu, bestehende Probleme stärker und als bedrohlicher wahrzunehmen. Während in jüngeren Lebensabschnitten z. B. berufsbezogene Probleme im Vordergrund stehen, sind es bei älteren Menschen häufig gesundheitsbezogene Probleme. So werden beispielsweise:

  • bestehende Rückenschmerzen oder Ohrgeräusche im Rahmen einer Depression als zunehmend unerträglich empfunden,
  • die mit Depression einhergehenden Konzentrations- und Auffassungsstörungen nicht selten mit der Sorge verknüpft, möglicherweise an einer Alzheimer Demenz erkrankt zu sein. Wird durch den Arzt nicht nach den psychischen Symptomen einer Depression, wie Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken, Schuldgefühlen etc. gefragt, kann die Depression als eigentliche zugrundeliegende Erkrankung übersehen werden. Ohne die entsprechende Diagnose, kann auch die Erkrankung nur ungenügend behandelt werden.
  • Betroffene richten ihre Aufmerksamkeit und Sorgen häufig auf bestehende körperliche Beschwerden, zu denen auch Schmerzen unterschiedlichster Art oder Schlaf- und Verdauungsprobleme gehören. Zudem haben ältere Patienten oft Schwierigkeiten, psychische Erkrankungen als eigenständige Erkrankung wie andere (körperliche) Erkrankungen zu akzeptieren.

Diagnostik

Die Diagnostik einer Depression wird von einem Arzt oder Therapeuten vorgenommen. Speziell für ältere Patienten ist der Fragebogen „Geriatrische Depressionsskala“ (GDS) entwickelt und inzwischen auch im deutschen Sprachraum untersucht worden.

Kommt es bei einem Menschen im höheren Alter zum erstmaligen Auftreten einer depressiven Erkrankung, so ist in besonderer Weise auf mögliche körperliche Erkrankungen zu achten, die mit dieser einhergehen können. Mit einer Untersuchung des Gehirns (z.B. durch MRT) oder einer sorgfältigen Labordiagnostik werden z.B. Schilddrüsenerkrankungen ausgeschlossen.

Depressive Störungen können im Alter durch auftretende Sprech- und Denkhemmung (d.h. Denken und Sprechen werden als „gebremst“ oder „blockiert“ wahrgenommen), durch Konzentrationsstörungen und durch Klagen der Patienten über Gedächtnisstörungen zudem Ähnlichkeiten mit einer Demenz aufweisen (depressive Pseudodemenz). Depressive Patienten sind aufgrund der Konzentrationsstörungen leicht überfordert, was sich in Aussagen wie „ich weiß nicht“ äußern kann.

Dies erfordert im Alter nicht selten die Abgrenzung von einer Demenz. Depressive Patienten sind in der Regel nicht desorientiert, das heißt, sie können auf Nachfragen beispielsweise das Datum und die Uhrzeit richtig angeben. Bei Demenzerkrankten ist dies häufig nicht mehr der Fall. Bei der Schilderung ihrer Beschwerden spürt man bei depressiven Patienten den mit dieser Krankheit einhergehenden Leidensdruck, während Patienten mit einer Demenz ihre Beschwerden häufiger bagatellisieren oder dazu neigen, die Defizite zu verstecken. Auch die Untersuchung des Gehirns mit dem EEG oder mit Bildgebungsverfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) können wichtig für die Diagnosestellung sein.

Folgende Anzeichen sprechen eher für eine Depression:
  • Beginn innerhalb weniger Wochen
  • depressive Stimmung kaum beeinflussbar und konstant über einen längeren Zeitraum zu beobachten
  • im Verlaufe eines Tages durch Morgentief und Aufhellung am Abend gekennzeichnet
  • Betroffene klagt über seinen Zustand, „kann und weiß nichts mehr“
  • das Denken ist eher gehemmt, verlangsamt, aber nicht verwirrt
Folgende Anzeichen sprechen eher für eine Demenz (Typ Alzheimer):
  • schleichender Beginn über Monate
  • Stimmung insgesamt eher instabil und leichter zu beeinflussen, „umzustimmen“
  • Betroffene klagt wenig, verleugnet, „hat keine Probleme“
  • Orientierung hinsichtlich Ort und Zeit fällt zunehmend schwer
  • nicht selten nächtliche Verwirrtheitszustände

Behandlung

Eine Behandlung der depressiven Erkrankung ist bei älteren Patienten ebenso wichtig wie bei jüngeren Menschen. Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapie haben sich dabei als wirksam erwiesen.

Bei der medikamentösen Therapie ist eine sorgfältige Auswahl des Antidepressivums durch den Arzt wichtig, da häufig bereits mehrere Medikamente eingenommen werden und es zu Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten kommen kann. Auch wenn die medikamentöse Behandlung bei älteren Menschen komplizierter ist, so ist diese jedoch besonders wichtig. Depression ist im Alter, mehr noch als bei jüngeren Menschen, eine lebensbedrohliche Erkrankung. Bettlägerigkeit, verminderte Flüssigkeitszufuhr und v. a. bei älteren Männern ein drastisch erhöhtes Suizidrisiko sind Faktoren, die bei der Altersdepression eine besonders konsequente Behandlung erfordern.

Für die Psychotherapie, insbesondere für die sog. kognitive Verhaltenstherapie, gibt es ebenfalls ausreichende Belege, dass diese auch bei älteren Menschen wirksam ist. Leider ist der Anteil über 60-jähriger Patienten in Psychotherapie mit gerade mal 6   % noch sehr gering.


Suizidalität im Alter

Die offizielle Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass die Suizidrate, d.h. die Anzahl der Suizide bezogen auf 100.000 Personen der jeweiligen Altersgruppe, mit steigendem Alter zunimmt. Das Risiko, an Suizid zu versterben, ist somit vor allem für ältere Menschen extrem erhöht. Etwa 35  % aller Suizide werden von Menschen über 65 Jahren verübt. Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt dagegen nur ca. 21  %. Statistiken zu Suizidhandlungen im Alter müssen als Schätzungen angesehen werden: Die Unterbewertung der „stillen“ oder „verdeckten“ Suizide – gemeint sind damit zum Beispiel die Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder das Unterlassen der notwendigen Medikamenteneinnahme – und die zahlreichen Grenzfälle zu tödlichen Unfallverletzungen und weiteren unklaren Todesursachen führen zu einer großen Dunkelziffer nicht amtlich erfasster Suizide, insbesondere von älteren Menschen.

Abbildung Anzahl der Suizide auf je 100.000 Einwohner in der jeweiligen Altersgruppe in Deutschland 2012
Abb.: Anzahl der Suizide auf je 100.000 Einwohner in der jeweiligen Altersgruppe in Deutschland 2012 (Quelle: Bundesamt für Statistik/Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2014)

Für Pflegekräfte und Angehörige ist wichtig:

  • Ein Suizid geschieht meist als Folge einer psychiatrischen Erkrankung.
  • Hinweise auf Suizidalität (z.B. Äußerungen wie „Ich kann nicht mehr“, „Ich will nicht mehr“) sind immer ernst zu nehmen und sollten angesprochen werden.
  • Im Fall von suizidalen Gedanken oder Verhalten ist ein Arzt hinzuzuziehen.
  • Die Behandlung einer Depression verringert das Suizidrisiko.

Die Gründe für die dramatische Zunahme des Suizidrisikos bei älteren Männern sind nicht vollständig geklärt. Ein Faktor dürfte zumindest sein, dass Depression insbesondere bei älteren Männern noch häufig nicht oder nur sehr unzureichend behandelt wird. In einer eigenen Untersuchung mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern wurde festgestellt, dass bei den in der Studie untersuchten Männern über 60 Jahre über 60 % weder eine Behandlung mit Antidepressiva noch eine Psychotherapie erhielten.

Oft wird auch davon ausgegangen, dass (allein) das Vorliegen einer schweren körperlichen Erkrankung, wie Schlaganfall, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, chronische Lungenerkrankungen oder Osteoporose das Risiko einen Suizid zu begehen erhöhe.

Würden solche Erkrankungen vermehrt zu Suiziden führen, so müssten bei Suizidopfern diese Erkrankungen häufiger vorgelegen haben, als bei Menschen, die sich nicht das Leben nehmen. In einer Studie zum Zusammenhang von schweren körperlichen Erkrankungen und Suizid wurde gezeigt, dass dies jedoch nicht zutrifft. Diese Studie unterstreicht, dass die naheliegende, oft aber vorschnelle Zuordnung von Verzweiflung, Suizidalität und Hoffnungslosigkeit zu einer möglicherweise bestehenden schweren körperlichen Erkrankung sehr häufig eine Fehleinschätzung darstellt. Daher ist es wichtig, auch beim Vorliegen einer schweren körperlichen Erkrankung eine depressive Störung zu diagnostizieren und adäquat zu behandeln.

Lesen Sie hier mehr zu dem Thema Suizidalität.


Ratgeber-Bücher

Blitz, E. & Przygodda, T. (2008): Wenn die Seele aus dem Takt gerät: Depressionen im höheren Lebensalter bewältigen. Dgvt-Verlag.

Hautzinger, M. (2006): Wenn Ältere schwermütig werden: Hilfe für Betroffene und Angehörige bei Depression im Alter. Beltz, Weinheim, Basel.

Hüll, M. (2011): Die Anti-Depressions-Strategie im Alter. Verlag Herder.

Schneider, F. & Nesseler, T. (2011): Depressionen im Alter: Die verkannte Volkskrankheit. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Fachliteratur
Artikel zum Thema Depression im Alter

Quellen

Verwendete Quellen im Beitrag

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