Depression im Kindes- und Jugendalter

Wie zeigt sich eine Depression bei Kindern?

Leichte depressive Verstimmungen bis hin zu schweren depressiven Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Im Vorschulalter sind ca. 1 % der Kinder und im Grundschulalter ca. 2 % betroffen. Aktuell erkranken etwa 3-10 % aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren an einer Depression.

Bei Kindern und Jugendlichen ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass die Depression mit weiteren psychischen Erkrankungen, wie z.B. Angststörungen, somatoforme Störungen und ADHS einhergeht.

„Nicht gegen die Stacheln der Depression ankämpfen, sondern…“ Elisabeth Nowak (Fotowettbewerb 2011)
„Nicht gegen die Stacheln der Depression ankämpfen, sondern…“ Elisabeth Nowak (Fotowettbewerb 2011)

Inhaltsübersicht


Symptome

Eine Depression wird oft nicht sofort erkannt. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Die Abgrenzung von „normaler“ und adoleszenter Entwicklung ist schwierig, da vorübergehende depressive Symptome Teil der Pubertät sind.
  • Es stehen andere Verhaltensauffälligkeiten im Vordergrund (z.B. gereiztes und aufsässiges Verhalten), so dass Eltern, Lehrer und Ärzte die Depression übersehen.
  • Die einzelnen Fälle unterscheiden sich im Erscheinungsbild mitunter gravierend.
  • Aus Furcht vor einer Stigmatisierung suchen sich Familien bzw. Jugendliche oft erst spät Hilfe.

In Abhängigkeit vom Alter gibt es Besonderheiten in der Symptomatik von Depression:

Kleinkindalter (1-3 Jahre):

  • vermehrtes Weinen
  • ausdrucksarmes Gesicht
  • erhöhte Reizbarkeit
  • überanhänglich, Kind kann schlecht alleine sein
  • selbststimulierendes Verhalten: Schaukeln des Körpers, exzessives Daumenlutschen
  • Teilnahmslosigkeit
  • Spielunlust oder auffälliges Spielverhalten
  • gestörtes Essverhalten
  • Schlafstörungen

Vorschulalter (3-6 Jahre):

  • trauriger Gesichtsausdruck
  • verminderte Gestik und Mimik
  • leicht irritierbar, stimmungslabil, auffällig ängstlich
  • mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen
  • Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, introvertiertes Verhalten
  • vermindertes Interesse an motorischen Aktivitäten
  • innere Unruhe und Gereiztheit, unzulängliches oder auch aggressives Verhalten
  • Ess-und Schlafstörungen

Schulkinder (6-12 Jahre):

  • verbale Berichte über Traurigkeit
  • Denkhemmungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen
  • Schulleistungsstörungen
  • Zukunftsangst, Ängstlichkeit
  • unangemessene Schuldgefühle und unangebrachte Selbstkritik
  • psychomotorische Hemmung (z.B. langsame Bewegungen, in-sich-versunkene Haltung)
  • Appetitlosigkeit
  • (Ein-) Schlafstörungen
  • Suizidgedanken

Pubertäts-und Jugendalter (13-18 Jahre):

  • vermindertes Selbstvertrauen, Selbstzweifel
  • Ängste, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel
  • Stimmungsanfälligkeit
  • tageszeitabhängige Schwankungen des Befindens
  • Leistungsstörungen
  • Gefühl, sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein
  • Gefahr der Isolation und des sozialen Rückzugs
  • psychosomatische Beschwerden (z.B. Kopfschmerzen)
  • Gewichtsverlust
  • Schlafstörungen
  • Suizidgedanken

Die Diagnostik sollte stets durch einen Arzt oder Psychotherapeuten (Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater/-psychotherapeut) erfolgen. Es gelten die gleichen Diagnosekriterien wie bei Erwachsenen (ICD-10), jedoch lassen sich gerade bei jüngeren Kindern die typischen Symptome nicht finden. Andere Symptome der Depression sind wiederum Bestandteil der normalen jugendlichen Entwicklung: gereizt oder verschlossen sein, sich langweilen oder grübeln, mit sich und der Welt unzufrieden sein. Bei der Diagnostik ist es deshalb unerlässlich, die altersabhängigen Besonderheiten zu beachten. Für eine gesicherte Diagnose werden auch Eltern, Lehrer, Erzieher und weitere Bezugspersonen in die Beurteilung mit einbezogen.


Behandlungsmöglichkeiten

Eine Behandlung erfolgt meist ambulant und kann folgende Bestandteile umfassen:

  • alters- bzw. entwicklungsgerechte Aufklärung des Kindes/Jugendlichen sowie der Eltern über die Erkrankung,
  • Psychotherapie unter Einbeziehung von Familie und weiteren Bezugspersonen,
  • ggf. Medikamentöse Therapie,
  • Interventionen in der Familie (ggf. einschließlich Familientherapie).

Suizidalität

Auch wenn Suizide im Kindesalter noch sehr selten sind, so zählen sie im Jugendalter zu den häufigsten Todesursachen. Suizidale Gedanken sind ein Symptom der Depression: Bei Jugendlichen besteht bei Depression ein bis zu 20-fach erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten (Suizidversuch/vollendeter Suizid).

Jungen versterben im Vergleich zu Mädchen dreimal so häufig durch Suizid, Hauptrisikogruppe für Suizidversuche sind hingegen Mädchen und junge Frauen. Neben psychischen Erkrankungen sind ein früherer Suizidversuch, Erfahrungen mit diesem Thema im Freundes- und Familienkreis und negative Lebensereignisse weitere Risikofaktoren für Suizidalität. Die Suizidalität sollte immer ernst genommen und angesprochen werden.

Lesen Sie hier mehr zu dem Thema Suizidalität.


Informationen im Internet

FIDEO
FIDEO (FIghting DEpression Online) ist ein Online-Informationsangebot mit integriertem Diskussionsforum für junge Menschen ab 14 Jahren zum Thema Depression. 

Nummer gegen Kummer 
Telefonische Beratung und Beratung per E-Mail für Kinder und Jugendliche von professionellen Beratern oder von Jugendlichen für andere Jugendliche. Außerdem telefonische Beratung für Eltern.

BKE
Zahlreiche Beratungsangebote der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung für Eltern und Jugendliche, Adressen von Beratungsstellen vor Ort, moderiertes Forum, Chats. 

Youth-Life-Line
Online-Beratung von und für Jugendliche im Arbeitskreis Leben. Das Team aus jugendlichen Peer-Beratern und Fachkräften hilft Jugendlichen in Krisen.

[U25] Freiburg
Informationen und Online-Beratung für junge Menschen unter 25 Jahren in Krisen und bei Suizidgefahr. Kostenlose und anonyme E-Mail-Beratung durch ehrenamtliche Peer-Berater, die von Fachkräften unterstützt werden.

Nethelp4u
Jugendliche beraten Jugendliche. Ein Team aus ehrenamtlichen Beratern im Alter von 18 bis 24 Jahren hilft bei Sorgen und Kummer. E-Mail-Beratung, Antwort innerhalb von 7 Tagen.

frnd.de 
Informationen über Depression und Suizid bei jungen Menschen und jungen Erwachsenen des Vereins Freunde fürs Leben. Darüber hinaus eigener Videokanal.

JugendNotMail.de
Das Beratungsangebot von jugendnotmail.de ist eine der ersten Online-Beratungen in der Kinder- und Jugendhilfe im deutschsprachigen Raum. Die ehrenamtlichen Online-Berater sind geschulte Experten aus den Bereichen Psychologie und Sozialpädagogik, die 24 Stunden am Tag für die Sorgen und Nöte von jungen Menschen da sind.

Ratgeber-Bücher

Ratgeber für Eltern, Lehrer oder Erzieher

Groen, G., Ihle W., Ahle M. E & Petermann F. (2012): Ratgeber Traurigkeit, Rückzug, Depression: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe-Verlag.

Groen, G. & Petermann F. (2011): Wie wird mein Kind wieder glücklich?: Praktische Hilfe gegen Depressionen. Bern: Huber-Verlag.

Nevermann, C. & Reicher, H. (2009): Depressionen im Kindes- und Jugendalter. Erkennen, Verstehen, Helfen (2. Auflage). München: C.H. Beck.

Groen, G. & Petermann, F. (2011): Depressive Kinder und Jugendliche (2. Auflage). Göttingen: Hogrefe-Verlag.

Baierl, M. (2009): Familienalltag mit psychisch auffälligen Jugendlichen: Ein Elternratgeber. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kerns, L.L. (1997): Hilfen für depressive Kinder. Bern: Huber-Verlag.

Mattejat, F. und Lisofsky, B. (2011): Nicht von schlechten Eltern: Kinder psychisch Kranker. Balance Ratgeber, Bonn.

Döpfner, M. /Petermann, F. (2008): Ratgeber Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen – Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe-Verlag Homeier, S. (2006).

Homeier, S. (2014): Sonnige Traurigtage. Ein Kinderfachbuch für Kinder psychisch kranker Eltern. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag.

Bücher für Kinder

Jacob, L. A. & Tanner, K. (2016): ZiegenHundeKrähenMama...oder: Was ist mit Mama los? Zürich: Atlantis Verlag. Außerdem zum Buch erhältlich: kostenlose Begleitmaterialien zum Download.
(Für Kinder ab 5 Jahren)

Gliemann, C. & Fainchney, N. (2014): Papas Seele hat Schnupfen. Karlsruhe: MONTEROSA Verlag.
(Für Kinder zwischen 6 - 8 Jahren.)

Erdmute von Mosch (2011): Mamas Monster: Was ist nur mit Mama los? Bonn: BALANCE Buch + Medien Verlag.
(Für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren)

Wunderer S. (2010): Warum ist Mama traurig? Ein Vorlesebuch für Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Mit einem Ratgeberteil am Ende des Buchs. Frankfurt a.M.: Mabuse-Verlag.
(Für Kinder zwischen ca. 2 und 5 Jahren)

Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen (Hrsg.): Wenn Deine Mutter oder Dein Vater in psychiatrische Behandlung muss... Mit wem kannst Du dann eigentlich reden? Bonn. Beziehbar über: http://www.psychiatrie.de/dachverband/materialien/kinderbroschueren
(Für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren)

Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen (Hrsg.): Wenn Deine Mutter oder Dein Vater psychische Probleme hat... Bonn. Beziehbar über: http://www.psychiatrie.de/dachverband/materialien/kinderbroschueren
(Für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren)

Stehle, Katrin (2011): Das Gegenteil von fröhlich. Stuttgart/Wien: Gabriel Verlag.
(Entwicklungsroman für Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren)

Worringer, Ulla (2013): Hasenmama, die Heulsuse und die beste Möhrensuppe der Welt. Bergisch Gladbach: CreateSpace Independent Publishing Platform
(Vorlesebuch für Kinder ab dem Vorschulalter; Mut-Mach-Buch für jugendliche und erwachsene Betroffene und Angehörige; mit einem Vorwort von PD Dr. Christine Rummel-Kluge)

Artikel zum Thema Depression bei Kindern und Jugendlichen

Quellen

Verwendete Quellen im Beitrag

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