Depression und Arbeit

Viele Firmen kennen das Phänomen: Mitarbeiter, die man über Jahre für ihr Engagement schätzen gelernt hat, scheinen plötzlich am Ende ihrer Kräfte zu sein: Konzentrationsprobleme, Motivationsverlust, Dünnhäutigkeit, Reizbarkeit, aber auch sozialer Rückzug können zu den äußerlich auffälligsten Veränderungen zählen. Ist der Mitarbeiter überfordert, überarbeitet oder aus anderen Gründen „gestresst“, so dass ihm etwas Entlastung und Erholung gut tun würde? Oder sind die Veränderungen Anzeichen einer depressiven Erkrankung?

„Ablegen“, Sibylle Kölmel (Fotowettbewerb 2011)
„Ablegen“, Sibylle Kölmel (Fotowettbewerb 2011)

Inhaltsübersicht


Auswirkungen von Depression am Arbeitsplatz

Die Daten deutscher Krankenversicherer und der Deutschen Rentenversicherung aus den letzten Jahren zeigen gestiegene Ausfallzeiten und Erwerbsunfähigkeiten aufgrund psychischer Erkrankungen:

Trotz insgesamt sinkender Krankenstände hat der Anteil psychisch bedingter Fehlzeiten an der gesamten Arbeitsunfähigkeit in den letzten Jahren stetig zugenommen. Ca. 13 % aller Arbeitsunfähigkeitstage sind auf psychische Erkrankungen zurückzuführen, ihr Anteil hat sich zwischen 2000 und 2013 fast verdoppelt. Damit sind psychische Erkrankungen nach Muskel-Skelett- und Atemwegserkrankungen der dritthäufigste Grund für Fehltage. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt die pro Jahr durch depressive Erkrankungsfälle anfallenden Arbeitsunfähigkeitstage auf etwa 11 Millionen.

Abb.: Arbeitsunfähigkeitstage/ Anteil psychischer Erkrankungen (Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer, 2015)
Abb.: Arbeitsunfähigkeitstage/ Anteil psychischer Erkrankungen (Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer, 2015)

Psychische Erkrankungen weisen im Vergleich zu körperlichen Erkrankungen überdurchschnittlich lange Fehlzeiten auf (34,5 Tage pro Krankschreibungsfall; zum Vergleich: Herz-Kreislauf-Erkrankungen: 21,3 Tage; Muskel-Skelett-Erkrankungen: 18,5 Tage; Atemwegserkrankungen: 6,6 Tage).

Psychische Erkrankungen sind die Hauptursache für Frühberentungen wegen verminderter Erwerbsunfähigkeit. Beinah jede zweite gesundheitsbedingte Frühverrentung ist psychisch bedingt, am häufigsten aufgrund der Diagnose Depression.

Abb.: Berentung wegen vermindeter Erwerbstätigkeit
Abb.: Berentung wegen vermindeter Erwerbstätigkeit (Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund (2015). Rentenversicherung in Zeitreihen. DRV-Schriften Band 22)

Die Unipolare Depression war 2012 die häufigste Diagnose für Frühverrentung im Vergleich zu allen psychischen und körperlichen Krankheiten mit einem Anteil von 16,2 % an allen Gesamtzugängen.

Abb.: Frühverentungen 2012 Unipolare Depression auf Platz 1
Abb.: Frühverentungen 2012 Unipolare Depression auf Platz 1 (Quelle: DRV-Statistik Rentenzugang, in: BPtK-Studie zur Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit, 2013)

Die Daten zeigen, dass Depressionen neben dem persönlichen Leid für Betroffene und Angehörige immense wirtschaftliche Kosten verursachen. Zu Ausfallquoten und Erwerbsunfähigkeiten (Absentismus) kommen die eingeschränkte Produktivität und Leistungsfähigkeit der anwesenden Mitarbeiter u.a. durch erhöhte Fehlerquoten, vermindertes Durchhaltevermögen, Vergesslichkeit – auch bedingt durch die zahlreichen körperlichen Beschwerden einer Depression wie Schlafstörungen und Energielosigkeit (Präsentismus).

Wichtig zu wissen ist, dass der medial erweckte Eindruck, dass es in Deutschland in den letzten Jahren zu einer tatsächlichen Zunahme der Depressionshäufigkeit gekommen ist, nicht richtig ist. Die erwähnte Zunahme in den Statistiken resultiert aus der erfreulichen Entwicklung, dass sich mehr depressiv Erkrankte professionelle Hilfe holen, dass Depressionen häufiger erkannt werden und dass Depressionen nicht hinter weniger stigmatisierten Erkrankungen, wie chronische Rückenschmerzen oder Tinnitus, versteckt werden. Depressiv Erkrankte, die früher vergeblich über Jahre wegen unterschiedlichster körperlicher Beschwerden beim Orthopäden oder Internisten waren, werden heute antidepressiv und damit zielführender behandelt. Hierzu passt, dass die Zunahme der Häufigkeit diagnostizierter Depressionen in den letzten 30 Jahren mit einer Abnahme der Suizidraten von 18.000 auf ca. 10.000 pro Jahr einhergeht. Es gibt demnach keine Hinweise, dass Menschen durch die modernen Arbeitsbedingungen häufiger an Depression erkranken. Der geringe oder fehlende Einfluss der Arbeit auf das Auftreten von Depressionen wird u.a. durch die aktuelle, prospektive Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie bestätigt. Damit sind auch Hoffnungen, durch Änderung der Arbeitsverhältnisse Depressionen vorbeugen zu können, nicht so gerechtfertigt, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen.

Die durch depressive Erkrankungen verursachten Kosten für Wirtschaft und Staat werden nach Einschätzung von Experten in den kommenden Jahren weiter steigen. Die Allianz und das RWI beziffern die durch depressive Erkrankungen verursachten Kosten für die deutsche Volkswirtschaft auf jährlich 15,5 bis 21,9 Milliarden Euro − immerhin 0,88 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung.

Unternehmen stehen also vor der Herausforderung, die durch Depressionen und andere psychische Erkrankungen entstehenden Kosten zu senken. Die wichtigste Stellschraube ist hier, über einen angemessenen Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitern den Weg in eine professionelle Behandlung zu beschleunigen. Hierzu sind Handlungsleitfäden und Schulungen für Personalverantwortliche bezüglich zielführender Mitarbeitergespräche ebenso zu nennen wie die Schaffung eines offenen, psychisch Erkrankte nicht stigmatisierenden Betriebsklimas und Wiedereingliederungsmaßnahmen.


Welchen Einfluss hat die Arbeit auf die Entstehung einer Depression?

Entscheidend für das Auftreten einer Depression ist das Vorliegen einer entsprechenden Veranlagung. Diese ist genetisch bedingt oder z.B. durch Traumatisierungen in frühen Lebensabschnitten erworben. Liegt eine Veranlagung vor, können oft Lebensereignisse wie Verlusterlebnisse oder auch Überforderungssituationen am Arbeitsplatz eine depressive Phase triggern. Da eine beginnende Depression regelhaft mit dem Gefühl der Überforderung und Erschöpfung einhergeht, ist die Neigung, vorschnell die Arbeit als Ursache der Depression anzusehen groß. Die Erfahrung zeigt, dass diese Menschen mit einer entsprechenden Veranlagung nicht selten bereits vor Arbeitsantritt unter Depressionen litten und in der Rente erneut depressiv erkranken. Affektive Störungen, zu denen Depression als wichtigste gezählt wird, treten bei Erwerbslosen, insbesondere Langzeiterwerbslosen, häufiger auf. Wesentlicher Grund hierfür ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen ein deutlich erhöhtes Risiko haben, arbeitslos zu werden und zu bleiben.

Arbeit hingegen ist in der Regel eher als Schutzfaktor bei Depression anzusehen, denn sie unterstützt meist bei der Tagesstrukturierung und einem regelmäßigen Schlaf-Wachrhythmus und bietet sozialen bzw. kollegialen Austausch.

 

Abb.: Häufigkeit psychischer Erkrankungen
Abb.: Häufigkeit psychischer Erkrankungen

Burnout

Burnout hat sich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum als Modebegriff verbreitet.

Dabei ist der Begriff Burnout nicht klar definiert und in den maßgeblichen internationalen Klassifikationssystemen gibt es keine Diagnose für Burnout. Entsprechend liegen für die verschiedenen psychischen und körperlichen Symptome, die alle unter dem Begriff Burnout zusammengefasst werden, auch keine Behandlungen mit Wirksamkeitsbelegen aus methodisch guten Studien vor.

Ein Großteil der Menschen, die wegen Burnout eine längere Auszeit nehmen, leidet de facto an einer depressiven Erkrankung. Alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen liegen vor, wozu regelhaft auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit gehört.

Problematisch und nicht selten in gefährlicher Weise irreführend ist jedoch, dass der Begriff eine Selbstüberforderung oder Überforderung von außen als Ursache suggeriert. Auch wenn ausnahmslos jede Depression mit dem tiefen Gefühl der Erschöpftheit einhergeht, ist jedoch nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung. Viele depressive Episoden werden durch Verlusterlebnisse, Partnerschaftskonflikte, aber auch durch eher positive Veränderungen im Lebensgefüge, wie Urlaubsantritt, Beförderung, Geburt eines Kindes etc. ausgelöst. Bei zahlreichen Menschen mit einer depressiven Episode findet sich sogar kein bedeutsamer Auslöser.

Viele depressiv Erkrankte fühlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen und sich selbst zu versorgen. Nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche Tätigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Wäre Burnout oder gar Depression in erster Linie Folge einer beruflichen Überforderung, so sollte diese Erkrankung in Hochleistungsbereichen – sei es im Sport oder im gehobenen Management – häufiger sein als bei Rentnern, Studenten oder Nicht-Berufstätigen. Eher das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Mit dem Begriff Burnout ist die Vorstellung verbunden, dass langsamer treten, länger schlafen und Urlaub machen gute Bewältigungsstrategien seien. Verbirgt sich hinter den Symptomen jedoch eine depressive Erkrankung, so sind dies oft keine empfehlenswerten und oft sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung. Dagegen ist Schlafentzug eine etablierte antidepressive Therapie bei stationärer Behandlung. Auch wird einem depressiv Erkrankten von einem Urlaubsantritt abgeraten, da die Depression mitreist und der eigene Zustand mit Antriebsstörung und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, im Urlaub in fremder Umgebung besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird.

Eine Vermengung der Begriffe Stress, Burnout und Depression führt zu einer Verharmlosung der Erkrankung Depression. Stress, gelegentliche Überforderungen und Trauer sind Teil des Lebens und müssen nicht medizinisch behandelt werden. Depression dagegen ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, die einer Behandlung bedarf.

Nur erschöpft oder wirklich krank?
Mehr zur Begriffsverwendung von Depression und Burnout finden Sie hier.


Wie kann man mit Depression am Arbeitsplatz umgehen?

Häufig besteht in den Unternehmen Unsicherheit in Ansprache und Umgang mit Mitarbeitern, die an Depression erkrankt sind bzw. wieder eingegliedert werden.

Entsprechende Fortbildungen von Personalverantwortlichen sind hier hilfreich und geben Sicherheit im Spannungsfeld von Verständnis und Entlastung einerseits und den Erfordernissen der Arbeitswelt andererseits.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet Unternehmen Fortbildungen und Informationsmaterialien zum Umgang mit Depression am Arbeitsplatz an. Neben sachlichen Informationen zu Symptomen, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten sind vor allem praktische Hilfen für den Umgang mit betroffenen Mitarbeitern wichtig:

  • Wie verhalte ich mich gegenüber erkrankten Mitarbeitern?
  • Wie spreche ich Verhaltensänderungen an?
  • Wer ist für die Diagnose und Behandlung bei Verdacht auf Vorliegen einer psychischen Störung zuständig?
  • Was ist zu tun, wenn der Mitarbeiter keine Hilfe möchte?
  • Gibt es Selbsthilfe-Strategien?
  • Wie gehe ich mit akuten Notfallsituationen und Suizidalität am Arbeitsplatz um?
  • Was muss berücksichtigt werden, wenn ein Mitarbeiter nach der Erkrankung in den Betrieb zurückkehrt?

Je nach Zielgruppe werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt:

  • depressive Erkrankungen erkennen
  • Gesprächsführung in schwierigen Situationen
  • innerbetriebliche und externe Hilfen
  • Balancemodell für den Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitern
  • Verantwortungsbereich und Grenzen der eigenen Funktion

Haben Sie Interesse an einer Schulung zum Thema Depression für Ihre Mitarbeiter oder Frührungskräfte?
Für ein individuelles Schulungsangebot wenden Sie sich bitte an:
Susanne Baldauf (Geschäftsführerin)
Tel.: 0341 / 97 24 493
info@deutsche-depressionshilfe.de


Informationen im Internet
Artikel zum Thema Depression und Arbeit

Quellen

Zitierte Befunde im Beitrag

BundesPsychotherapeutenKammer (BPtK) (2015). BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit: Psychische Erkrankungen und Krankengeldmanagement. Verfügbar unter: http://www.bptk.de/uploads/media/20150305_bptk_au-studie_2015_psychische-erkrankungen_und_krankengeldmanagement.pdf [06.10.2016]

Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.). (2015). Rentenversicherung in Zeitreihen, Band 22. Verfügbar unter: http://www.deutsche-rentenversicherung.de/cae/servlet/contentblob/238700/publicationFile/62588/03_rv_in_zeitreihen.pdf [06.10.2016]

BPtK-Studie zur Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit (2013). Psychische Erkrankungen und gesundheitsbedingte Frühverrentung. Verfügbar unter: http://www.bptk.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/BPtK-Studien/Arbeits-_und_Erwerbsunfaehigkeit/20140128_BPtK-Studie_Arbeits-und_Erwerbsunfaehigkeit-2013.pdf [06.10.2016]

Rose, U. & Jacobi, F. (2006). Gesundheitsstörungen bei Arbeitslosen: Ein Vergleich mit Erwerbstätigen im Bundesgesundheitssurvey 98.Arbeitsmedizin Sozialmedizin Umweltmedizin41 (12), 556-564.

Liwowsky, I., Kramer, D., Mergl, R., Bramesfeld, A., Allgaier, A.-K., Poppel, E., & Hegerl, U. (2009). Screening for depression in the older long-term unemployed. Social psychiatry and psychiatric epidemiology, 44 (8), 622–627.

Wittchen, H. U., Jacobi, F., Rehm, J., Gustavsson, A., Svensson, M., Jonsson, B.,. . . Steinhausen, H.-C. (2011). The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. European neuropsychopharmacology : the journal of the European College of Neuropsychopharmacology, 21 (9), 655–679.

Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) (Hrsg.). (2016). Studie – Der Einfluss von Arbeitsbedingungen auf die psychische Gesundheit. Verfügbar unter: https://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zugaengliche-Medien/Abteilungen-GS/Arbeitswissenschaft/2015/Downloads/151105-vbw-Studie-Der-Einfluss-von-Arbeitsbedingungen-auf-die-psychische-Gesundheit.pdf [06.10.2016]

Allianz Deutschland & Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (Hrsg.). (2011). Depression – wie die Krankheit unsere Seele belastet. Verfügbar unter: http://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/sonstige/Allianz-Report-Depression.pdf [10.10.2016]